Sonntag, 14. Juli 2024

Tour Ronde Nordwand (3.792m)

Wie auch schon voriges Jahr, standen ein paar Hochtouren im Mont Blanc Gebiet an, hauptsächlich an der Grenze zu Italien, hoch über den Tälern vom Val Veny und Val Ferret, mit Blick auf Courmayeur und La Palud. Ganz oben auf der Liste standen noch immer die Touren der gesamten Grandes Jorasses Überschreitung sowie der Teufelsgrat auf den Mont Blanc du Tacul.

Nach einer Woche davor im Aostatal, in welcher ich mit Manuela einige gute Eingehtouren sowie Akklimatisierungstouren machen konnte (siehe MaHa-on-tour), fühlte ich mich recht gut akklimatisiert, wenn auch nicht so gut, wie das Jahr zuvor, als Manuela und ich sogar den Gran Paradiso als Eingehtour machten. 

Das Wetter für die kommende Woche war prinzipiell gut und größtenteils stabil vorausgesagt, was mir Hoffnung machte, dass die großen Touren endlich machbar sind. Jedoch hatte es von Donnerstag auf Freitag eine Kaltfront gegeben, die eine beträchtliche Menge an Schnee (10-20cm) bis weit runter (< 3800m) gebracht hat. Für die meisten Touren ist dies normalerweise nicht wirklich störend, doch für die komplette Traverese der Grandes Jorasses sowie für den Teufelsgrat muss es stabile und trockene Verhältnisse haben. Nun ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Als Eingehtour #1 wählten wir die Tour Ronde Nordwand aus. Die Bedingungen sollten gut bis sehr gut sein nach dem Neuschnee und somit eine Begehung zulassen. Zudem war die Nacht von Samstag auf Sonntag klar vorausgesagt und nochmals tiefere Temperaturen, was uns somit auch in die Hände spielte.

Facts
Gipfel / Höhe Tour Ronde (3.792m)
Am Gipfel amSo, 14.07.2024, ca. 7:30 Uhr. Aufbruch ca. 3:20 Uhr
Land / RegionFR (Haute-Savoie) / IT (Aosta) / Mont-Blanc-Massiv
Art und SchwierigkeitHochtour, D-, 50-60°, III-IV
Höhenmeterca. 770 Hm↑ - ca. 770 Hm↓
TourenpartnerRoman
RouteRif. Torino - Glacier Geant - Nordwand direkt - Abstieg Normalweg Südgrat

Nach einer sehr schlechten Nacht im Massenlager (18er Schlag, laufend Geklimper und ein ständiges Kommen und Gehen) war kurz vor 3 Uhr Tagwache, sodass wir um 3 Uhr frühstücken und kurz darauf loslegen konnten. Die Nacht war klar und kalt und somit stapften wir am hartgefrorenen Gletscher los in Richtung Tour Ronde Nordwand. Wir kamen zügig voran und stellten fest, dass es eigentlich durchaus warm war, sodass wir bald eine Schicht ausziehen mussten. Mit uns starteten einige Anwärter für den Rochefort-Grat, die aber bald rechts abbogen. Ein paar andere gesellten sich länger zu uns, zogen dann aber weiter in den Kessel zum Kuffner-Grat. Somit blieben wir alleine übrig, um die Nordwand an der Tour Ronde zu versuchen. Später gesellte sich unten eine weitere Seilschaft hinzu, die dann aber weiter in Richtung Gervasutti Couloir zog - wir sollten sie später noch am Ausstieg sehen.

Es beginnt zu dämmern. Wir sehen die ersten Seilschaften am Weg zum Rochefort-Grat und ganz hinten ein paar Lichtlein im Whymper Couloir auf die Aig. Verte!

Am Wandfuß angekommen, legen wir den Helm an und richten unsere Eisausrüstung. Roman findet schnell den richtigen Übergang bei der Randkluft - wir können hier durch eine ausgeprägte Runse einer Lawine aufsteigen - und holt mich nach. Danach wird kurz beurteilt. Der Schnee unten ist eher im Bereich "Pulver mit fester Körnung" bzw. "Styroporschnee" anzusiedeln. Sichern quasi nicht möglich. Wir gehen aber dennoch am Seil und finden ab und zu in den Runsen härtere Stellen, wo wir die Eisgeräte gut verankern und somit einen Stand bauen können. So schaffen wir es recht zügig, die Querung zum eigentlichen Einstieg in die direkte Nordwand zu meistern.

Roman in der Querung zur Rinne.

Der Tag bricht an. Endlich ohne Stirnlampen klettern.

An der Rinne angekommen, konnten wir gut immer wieder im Fels einen sicheren Standplatz bauen. Schlingen und Friends halfen dabei. Für die Eisschrauben gab es weiterhin keine Anwendung. Zwar harter Trittschnee, aber kein Eis. Im Prinzip waren die Bedingungen aber perfekt zum Klettern. Man konnte beinahe alles schön durchstapfen, ohne großen Kraftaufwand betreiben zu müssen.

Guter Trittschnee/-firn in der Rinne. Alles noch schön festgefroren und kein Steinschlag von oben.

Rückblick in die Rinne nach unten. Man sieht noch die Ausläufer der Lawine, die tags zuvor abgegangen sein muss.

Der Mont Blanc du Tacul bekommt Sonne. Diesen langen Grat auf den Gipfel (Teufelsgrat) sollten wir später in der Woche noch genauer unter die Lupe nehmen.

So pickeln wir ein paar Seillängen in der Rinne durch und sichern hier größtenteils auch ein wenig. Oben weiter, wo man die Rinne verlässt und in der Nordwand steht, entscheiden wir uns dann für das kurze Seil. Die Bedingungen sind derart gut, dass wir am kurzen Seil synchron nach oben pickeln können. So gehen die Höhenmeter zügig und die Waden fangen an zu brennen. Am Ende der Wand stehen wir dann auch schon in der Sonne und können Wärme tanken, obwohl es in der Wand nie kalt war - kein Luftzug, keine Spindrifts, nichts.

Die Sonne kommt nun auch zu uns. Über der Grandes Jorasses wird es langsam richtig Tag.

Die Idee für den Ausstieg war dann nicht die normale Route, sondern die direkte Variante über den Gipfelturm. Roman hatte dafür extra ein paar Felssachen mehr eingepackt (Friends und Schlingen) und so konnten wir diese Variante versuchen, die letzten Endes gar nicht so einfach war, lag doch auf manchen Absätzen noch Schnee oder war Eis auf Griffen und/oder Tritten zu finden.

Der direkte Gipfelturm. Kletterbar mit Bergschuhen, aber heikel, da teils eisig bzw. Schnee.

Ab hier sichern wir dann wieder "ordnungsgemäß".

In wenigen Seillängen standen wir dann direkt unter dem Gipfelfelsen, der in wenigen Kletterzügen erklommen werden kann. Hier machten wir aber auf einem Absatz etwas Pause. Erstens konnten wir viel von der Ausrüstung verstauen und zweitens zog oben ein kalter Wind (es war Höhenwind angesagt für die Region). Nach einer Stärkung ging es dann flott auf den Gipfel für ein paar Fotos und um die Aussicht zu genießen. Wir hatten wirklich Glück, überall oben zog es ordentlich und man sah die Schneefahnen stehen, bei uns war es windstill. Wir sahen auch Seilschaften, die wegen des Windes aus dem Kuffnergrat oder dem Teufelsgrat zurückkamen - zu kalt zum Klettern in dieser Höhe.

Am Gipfel der Tour Ronde (3.792m) mit dem Mont Blanc im Hintergrund. Man erkennt die Schneefahnen.

Blick in den Gletscherkessel. Links der Mont Maudit und der Kuffnergrat darunter. Der Einstieg ist das schräg nach links oben ziehende Schneefeld. Rechts der Mont Blanc du Tacul mit dem Teufelsgrat davor. Der Aufstieg in den Col du Diable ist hier verborgen. Vorne rechts der Capucin.

Blick nach Osten: links die Aig. Verte und rechts die Grandes Jorasses und der Dent de Geant davor.

Wir machten uns dann alsbald an den Abstieg. Oben konnten wir zügig im Firn abgehen und kamen schon bald zu den felsigen Passagen. Hier kletterten wir anfangs viel seilfrei ab, war das Gelände doch recht einfach. Unten weiter holten wir das Seil noch heraus, als wir ein Mal abseilen mussten und später die "Reiterquerung" machten. Ein Ritt auf Messers Schneide!

Im Abstieg vom Gipfel: der Blick zurück auf den Normalweg über die Ostflanke.

Immer wieder nette Passagen zum Abklettern.

Am Anfang der Reiterquerung. Danach setzt man sich am Besten auf den Grat und reitet darüber. Schaut blöd aus, geht aber am einfachsten und sichersten.

Nach all diesen Passagen kam noch ein kleiner Abstieg durch ein steiles Schneefeld zur Randkluft, welche wir aber gut überwinden konnten. Am Gletscher unten angekommen entledigten wir uns von einigen Schichten, war es mittlerweile doch recht warm geworden. Wir packten unsere Rucksäcke ordentlich zusammen und gingen dann ganz gemütlich zurück zur Hütte. Was für eine schöne und tolle Eingehtour bei perfekten Bedingungen. Super genutzt.

6 Tage später von der Bahn aus aufgenommen: Blick in die Nordwand der Tour Ronde. Die rote Linie zeigt ca. den Verlauf der Route in der Wand. Man sieht auch, was die Wärme der Woche mit der Wand gemacht hat. Die Nordwand ist unkletterbar bzw. ein Himmelfahrtskommando.


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