Nachdem die Traverse letztes Jahr wegen des Windes nicht funktioniert hatte und das Wetter an sich zu instabil war, zeichnete sich dieses Mal ein gutes Wetterfenster ab und die Verhältnisse stimmten soweit. Zwar fiel von Freitag auf Samstag in der Vorwoche noch Schnee oberhalb von 3800m und von Montag auf Dienstag zog ein kurzer Schauer drüber, der etwas Schnee brachte, aber das störte soweit nicht. Der Dienstag war sonnig und warm und es nahm noch so den ein oder anderen Schneeflecken aus den Flanken und am Mittwoch hatte es ja auch noch ein bisschen Zeit, bis wir an den schwierigen Kletterstellen ankamen - so zumindest unsere Überlegung bzw. unser Plan.
Die gesamte Traverse in ausgezeichneten Verhältnissen vorzufinden ist quasi unmöglich, vor allem weil sich der Charakter der Tour ab dem Canziobiwak total ändert. Für den ersten Teil der Tour ist es von Vorteil früh in der Saison zu gehen, wenn der Rochefortgrat noch guten Trittfirn hat, dann kommt man dort zügig vorwärts und hat wenig Probleme mit Blankeis oder Steinschlag in den Flanken. Der zweite Teil der Tour vom Canziobiwak bis zum Pointe Whymper auf der Grandes Jorasses fordert aber eher den Felskletterer und benötigt von dem her eher trockene Verhältnisse und kaum Schnee auf den Graten. Der ist dann sonst eigentlich nur hinderlich. Wir entschieden uns jedenfalls dazu, das Abenteuer von Mittwoch auf Donnerstag zu wagen - konditionell stark genug waren wir und das Wetter war einfach so stabil, windstill und warm angesagt, dass wir es versuchen mussten.
Kurz zu den Fakten der Tour über die Grandes Jorasses:
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| Gipfel / Höhe | Am Rochefort Grat Aiguille de Rochefort (4.001m) #35 - Dôme de Rochefort (4.015m)
An der Grandes Jorasses #36 - Pointe Marguerite (4.065m) #37 - Pointe Hélène (4.045m) #38 - Pointe Croz (4.110m) #39 - Pointe Whymper (4.184m) #40 - Pointe Walker (4.208m) |
| Am Gipfel am | Pointe Whymper, Mi, 17.07.2024, ca. 21:20 Uhr. Aufbruch ca. 1:20 Uhr! (nach ca. 20h! Geh- bzw. Kletterzeit) Point Walker, Do, 18.07.2024, ca. um 6:30 Uhr, kurz nach dem Biwak |
| Land / Region | FR (Haute-Savoie) / IT (Aosta) / Mont-Blanc-Massiv |
| Art und Schwierigkeit | Hochtour Traverse: D+, bis 50°, bis 5a (V+) Abstieg Grandes Jorasses: AD+, 50°, III |
| Höhenmeter | Traverse: ca. 1550 Hm↑ - ca. 770 Hm↓ Abstieg Grandes Jorasses: ca. 70 Hm↑ - ca. 2600 Hm↓ |
| Tourenpartner | Roman |
| Route | Rif. Torino - Glacier Geant - Traverse (West-Ost) - Abstieg Val Ferret |
Die Tour ist leider schwer als Gesamtes zu fotografieren, weshalb ich mich hier an ein Foto von turbok.ch halte:
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Die Grandes Jorasses, aufgenommen von den Envers des Aiguilles; in fett die offiziell zur Überschreitung zählenden Viertausender. (Quelle und Copyright Bürgler Simone: www.turbok.ch) |
Auch auf diesem Foto sind die Distanzen leider nicht richtig einzuschätzen. Als Information: vom Rif. Torino zum Canziobiwak brauchten wir etwa 8h. Vom Biwak bis zum Pointe Whymper dann nochmals gut 13h. Die Tour fordert den kompletten Alpinisten. Anfangs im Schnee und Firn unterwegs, wechselt die Tour später auf fast reine Felskletterei bis zum Pointe Croz, bevor sie zum Schluss wieder eher Firn, Eis und Gletscher aufzuweisen hat. Gemeinsam mit der Länge, der Ausgesetztheit und den klettertechnischen Schwierigkeiten sowie teils auch der Routenfindung gehört sie sicher zu einer der größten Überschreitungen in den Alpen und hat mich deshalb schon lange gereizt.
Nun war es also soweit. Die Tour konnte stattfinden und wir fingen an, unser Zeug zu packen - was deutlich mehr war als üblich auf einer Hochtour. Schlafsack, ISO-Matte, Kocher, Essen für zwei Tage, Notfallzeugs, mehr Felsmaterial usw. ... all das musste mit auf die Tour und somit in/auf den Rucksack. Wir verbrachten also so einige Zeit damit, das Material genau zu sortieren und zu überlegen, ob etwas überhaupt benötigt wird oder nicht. Zur Traverse gibt es verschiedene Meinungen und Strategien, wie man diese am besten angeht. Unsere Strategie sah vor, dass wir an einem Tag vom Rifugio Torino bis zum Pointe Whymper durchkletterten, dort biwakierten und dann früh morgens den Abstieg an der Grandes Jorasses machen konnten. Unsere Überlegung war, dass wir so früh morgens den Rochefortgrat in gutem Zustand machen konnten und dort wenig Zeit verloren. Gefolgt von einer Pause beim Canziobiwak konnten wir uns dann die Schlüsselstellen im Fels am frühen Vormittag bzw. Mittag vornehmen, wenn der Fels warm und griffig war. Nach dem reinen Felsteil wussten wir aber, würden wir im Schnee am späten Nachmittag am Grat eventuell Probleme haben. Aber dafür ermöglicht das Biwak am Pointe Whymper dann einen zeitigen Abstieg durch die Gletscherbrüche unter dem Pointe Walker und Whymper hin zum Rifugio Boccallate. So war also unser Plan, den wir schmiedeten.
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| Material auflegen und sortieren. Nichts will vergessen sein, aber alles muss dabei sein. (Am Bild fehlen noch so ein paar Sachen ;-)) |
Am Dienstag Nachmittag fuhren wir zum Rifugio Torino auf, wo wir noch einen gemütlichen Nachmittag verbrachten und unsere Rucksäcke final für die Tour am nächsten Tag packten. Alles war gerichtet und so ging es früh ins Bett, und siehe da, ich schlief sogar recht gut, auch wenn es nur drei Stunden oder so waren, denn der Wecker klingelte um 0:25 Uhr am Morgen! Zum Glück kann ich eigentlich immer frühstücken, egal, wann der Wecker läutet. Also gönnten wir uns um 1 Uhr noch ein ausgiebiges Frühstück und ich packte mir sogar noch ein Nutellabrot für zwischendurch ein. Um etwa 1:20 Uhr ging es dann los.
Den Weg vom Rifugio bis über den Rochefortgrat kannte ich schon vom Jahr davor. Das half etwas dabei, die Kräfte einzuteilen, denn mit dem schweren Rucksack war das etwas Anderes. Die Spur hoch zum Dent du Geant war sehr gut und verlief größtenteils im Schnee bzw. Firn und nicht wie im Jahr davor im Geröll und Schutt. Die Schlüsselstelle - ein kleines Wändchen mit Seil versichert - schafften wir problemlos. Das sparte viel Kraft und auch Zeit und wir kamen im Prinzip seilfrei hoch bis zum Anfang des Grates, wo wir uns anseilten.
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| In den Rinnen war noch genug Schnee/Firn, sodass wir zügig und vor allem ohne Steinschlag hoch auf den Grat gelangten. |
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| Früh morgens ist im Tal noch nichts los. Courmayeur leuchtet uns entgegen. |
Der Grat war gutmütig und so konnten wir richtig Meter machen. Schon weit vor Sonnenaufgang waren wir an der Aig. de Rochefort angelangt und kletterten die Seillängen hoch im ersten Morgengrauen. Voriges Jahr waren wir pünktlich zum Sonnenaufgang am Gipfel, heuer sogar schneller, und das trotz der schweren Rucksäcke.
Wir machten nicht lange Halt, sondern wechselten nur auf das kurze Seil und gingen sofort weiter in Richtung Dome de Rochefort. Anfangs sind die Abschnitte dort am Grat richtig breit und wir konnten flotten Schrittes dahingehen. Gegen Ende hin wird es etwas ausgesetzt und wir wechselten nochmals auf das lange Seil und sicherten die wenigen Seillängen hoch bis zum Gipfel, welchen wir dann zum Sonnenaufgang erreichten. Bis jetzt lagen wir extrem gut in der Zeit.
Überholt wurden wir dann von einer einzigen Seilschaft, die ebenfalls an diesem Tag die Traverse machte. Aber diese Seilschaft bestand nur aus Profis: Chrigel Maurer und Peter von Känel rannten fast an uns vorbei. Sie waren im Zuge ihres X-Peaks (
https://www.xpeaks.ch/) Projektes unterwegs. Super leichtgewichtig und nur mir dem Schirm ausgestattet. Später sollten wir erfahren, dass sie den "Abstieg" von der Grandes Jorasses zurück zum Rif. Torino in 6 Minuten (!) machten. Mit dem Gleitschirm ist das wohl möglich.
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| Die Dämmerung setzt um ca. 5 Uhr ein und wir sind schon weit am Grat, kurz vor der Aig. de Rochefort. |
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| Blick zur Aig. Verte (ganz links), Grande Rocheuse und Le Droites. |
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| Wir haben schon etwas Strecke gemacht und es ist noch nicht einmal Tag. |
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| Aufstieg zum Dome de Rochefort im Fels. Hier ist es etwas brüchig, aber noch immer gut zu klettern. |
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| Der Blick zurück. Links der Mont Blanc, dann der Mont Maudit und der Mont Blanc du Tacul. |
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| Fast pünktlich zum Sonnenaufgang (etwa 6 Uhr) stehen wir am Dome de Rochefort (4.015m) und sehen erstmals aus der Nähe den Weiterweg zur Grandes Jorasses (Gipfel über meinem Rucksack). |
Vom Dome de Rochefort seilten wir anfangs an ein paar Schlingen ab und kletterten dann den Rest nach unten. Es folgte ein längerer Firngrat hin zur Calotte de Rochefort, von welcher man erstmals zum Canziobiwak sieht. Dort verloren wir etwas Zeit, lag doch noch zu viel Schnee auf den Felsen. Auch unsere Vorgänger verloren dort anscheinend Zeit, suchten auch sie die Abseilstellen, die oben im Schnee begraben waren. An einem Felsblock angehängt suchte Roman dann weiter unten nach den Ständen, die er aber nicht fand. So entschied er dann nach einiger Zeit, dass wir etwas weiter links (von oben gesehen) in den Hang querten und zu den alten Schlingenständen hin querten. Diese waren soweit noch gut intakt und konnten verwendet werden, nur mussten wir eben wieder in die Wand zurückqueren beim Abseilen. Nach zwei etwas abenteuerlichen Abseilern dieser Art fanden wir dann aber einen der neu gebohrten Stände, die in gerader Linie direkt nach unten in den Col del Grandes Jorasses führten. Von diesem ist man dann in wenigen Minuten beim Canziobiwak, welches wir dann seilfrei erreichten.
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| Rückblick zum Dome de Rochefort. Den oberen Teil konnten wir kurz abseilen, dann stiegen wir weiter so ab. |
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| Von der Firnkuppe der Calotte aus gesehen unser Weg. Links die Aig. de Rochefort. In der Bildmitte der markante Felszacken des Dent du Geant. Rechts im Vordergrund der Mont Mallet. Hinten der Mont Blanc und Trabanten. |
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| Die Calotte bzw. der kurze Grat vom Dome herüber. |
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| Abseilen, wo es endlich Spaß macht. |
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| Die letzten Längen nach unten. Das Canziobiwak (grüne Box an der Licht-Schattengrenze im Schnee) ist bereits zu sehen. |
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| Die Felswand an der Calotte, über die wir abseilten. |
Nach gut 8h kamen wir etwas nach 9 Uhr am Morgen beim Biwak an - die Suche nach den Abseilständen hat uns Zeit gekostet, sicher 30 Minuten. Nun war es Zeit für eine kurze Pause. Roman verstaute alles Eismaterial und richtete das Felsmaterial her, ging es denn nach dem Biwak in die Felskletterei über. Ich kochte uns während dessen Wasser auf für einen Kaffee, zu dem dann mein Nutellabrot richtig gut schmeckte. Langsam (eigentlich zu langsam) drehte sich die Sonne über den Grat her und fing an, den oberen Teil des Pointe Young zu bestrahlen. Wir waren eigentlich für den Einstieg zu früh dran, warten wollten wir aber auch nicht noch länger, wussten wir doch, dass wir die Zeit hinten raus gut brauchen konnten.
So packten wir dann doch früher zusammen und gingen zum Einstieg der Kletterei. Von Chrigel und Peter haben wir während des Abseilens an der Calotte etwas Flucherei und Steigeisengekratze aus der Wand des Pointe Young gehört und so vermuteten wir, dass der Fels nicht ganz trocken war oder noch Schnee/Eis drinnen lag. Und so war es dann auch. Die Einstiegsrinne war noch hart und so konnten wir gut hochpickeln und auf das Band queren, von wo aus die Route durch den Fels führt. Doch schon dort kamen wir immer wieder an Wasser und Wassereis vorbei und sahen auch über uns schon ein paar kleine Schneeflecken entlang der Route. Wir entschieden uns dann also dazu, die Steigeisen montiert zu lassen. Also mussten wir die Schlüsselstelle halt mit Steigeisen klettern - eine alpine Kletterei, ca. als 5a bewertet, mittlerweile von vielen Alpinisten eher höher eingestuft. Naja, Augen zu und durch - und Respekt an Roman, der dort im Vorstieg hochging!
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| Rückblick zum Canziobiwak. Dahinter sieht man die hohen Berge der Rutor-Gruppe sowie des Gran Paradisos. |
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| Blick in die Zustiegsrinne und die Kletterei auf den Pointe Young. Man folgt im Wesentlichen immer den Rissen und Verschneidungen hoch. Die Schlüsselstelle kommt gleich am Anfang - ein paar plattige Stellen. Zustieg ca. um 10 Uhr. |
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Anfangs noch gut zu sichern: viele Zacken ermöglichen es, Schlingen zu legen. Ab und zu stecken auch alte Haken. Die Standplätze sind sogar mit farbigen Reepschnüren abgebunden. (ca. 10:24 Uhr)
Nach den Schlüssellängen konnten wir im Felskamin etwas durchatmen, bevor wir dann in der Westwand eigentlich vor einer "Nordwand" standen. Die normale Route war eisig und somit der Ausstieg so nicht machbar. Wir folgten dann etwas den Spuren von unseren Vorgängern und stiegen im harten Schnee bzw. Eis auf, was eigentlich ganz gut ging. Wenigstens hatten wir dadurch keinen Steinschlag und die meisten Brocken war festgefroren. So ging es dann jeweils eine kurze Seillänge nach der anderen nach oben, bis wir endlich den Grat erreichten. Dieser Aufstieg kostete uns auch etwas an Zeit, wären wir hier in reiner Felskletterei sicher um einiges schneller gewesen. |
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| Eigentlich wäre hier lockere Kletterei im Fels angesagt. Wir fühlen uns aber gerade wie in einer (schlechten) Nordwand. Eis, Schnee und Standplätze, die unter dem Schnee begraben sind. Das merken wir auch in der Zeit, es ist bereits 12:10 Uhr! |
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| Sonne in Sicht. Der Ausstieg zum Grat hin wurde dann noch einmal richtig anspruchsvoll. Der Schnee in der Rinne war zu weich und unten weiter konnten wir nicht queren, da wurde es zu plattig. Also stiegen wir direkt rechts über den kleinen Turm aus. |
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| Geschafft - um etwa 12:30 Uhr. Der luftige Grat ist endlich erreicht und wir können für ca. 1h die Steigeisen verstauen. |
Von nun an konnten wir etwas "entspannen", wenn man auf dieser Höhe davon reden kann. Ohne Steigeisen kletterte es sich deutlich leichter und wir kamen flott in Richtung Pointe Marguerite weiter, bis wir dann vor dem letzten Turm standen. Der Normalweg führt hier nach unten - man seilt 2-3x ab und klettert dann ein Couloir wieder nach oben. Die Kante des Turmes hatte Haken drinnen und sah prinzipiell kletterbar aus. Welcher Schwierigkeitsgrad das ist, wussten wir aber nicht. Deshalb entschieden wir uns dann doch für den Normalweg und seilten rasch ab. Hier kam uns wieder das 60m Seil zugute, denn wir konnten durch einen leichten Pendler hoch in die Rinne queren und dort gleich wieder die Steigeisen montieren.
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| Der Grat vom Pointe Young weiter zur Marguerite (hinten, wo gelb und rot am Gipfel zusammenkommen). Zuerst folgt man dem Grat und klettert wunderschöne Längen über die Türme, bis man dann vom letzten Turm in die Scharte und von dort dann weiter ins Couloir abseilt (rote Pfeile). Von dort erfolgt der erneute Aufstieg. Wir stiegen oben dann nach rechts aus, da die Variante links voll mit Schnee war und kaum absicherbar. |
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| Am Foto so schwer zu erkennen, aber hier hat man massig Luft unter den Beinen. Rechts fällt es mehrere hundert Meter nach Süden ins Val Ferret ab. Links das selbe auf die Chamonix Seite hin. Der Grat ist oben wirklich messerscharf. Base-Jumping anybody? |
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| Hier können wir oft lange Seillängen machen und kommen somit zügig(er) weiter. |
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| Erneuter Aufstieg auf den letzten Turm vor der Marguerite, bevor es wieder runter geht. |
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| Die Kante hier wäre sicher kletterbar, aber nicht mit schweren Bergschuhen, dem Biwakzeugs im Rucksack und nach ca. 13h Kletterzeit in den Beinen. |
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| Auch wenn wir immer versuchten abzuklettern, um Zeit zu sparen, manchmal ging es einfach nicht anders. Abseilen mit Luft unterm Arsch. |
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| Blick zurück auf den Grat, der vom Pointe Young kommt. |
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| Roman schon wieder am Aufstieg durch das jetzt weiche Couloir. Darunter ist wenigstens teilweise Eis vorhanden - eine kurze Eisschraube fand ihren Platz. Oben entscheiden wir uns dann aber für eine andere Variante. Die Verhältnisse hier kosten uns viel Zeit und wir kommen nur mühsam voran. |
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| Am Gipfel der Pointe Marguerite (4.065m) - um ca. 17:30 Uhr nach 16h Kletterzeit. Endlich. Der weitere Gratverlauf verspricht noch Spannendes. Direkt voraus der Pointe Helene. |
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| Rückblick vom Pointe Helene (4.045m) zur Marguerite. Auf diesem Gipfel standen wir um 18:11 Uhr, also knapp 40 Minuten nach der Marguerite. |
Wenn ich bis zum Pointe Helene etwas über den Grat gelernt habe, dann, dass es nach einem Turm oder einem Zacken sicherlich noch einen gibt und dass man nicht direkt zum nächsten Gipfel sieht bzw. gehen kann. Und so war es dann auch. Der Blick von der Helene weiter zum Pointe Croz sagte mir, dass da noch viele Zacken und Türme folgen würden.
Wir kletterten bzw. seilten von der Helene ab und standen dann (leider) am weichen Firngrat. Später in der Saison ist hier kaum bzw. kein Schnee anzutreffen und man kann recht zügig den Grat zum Pointe Croz klettern. Wir hatten nun weichen Schnee, überhängende Wechten und kaum Sicherungsmöglichkeiten vor uns. Hier zu bleiben und einfach früher zu biwakieren kam aber auch nicht in Frage. Erstens hatten wir noch gut drei Stunden Tageslicht und zweitens konnten wir hier kein Biwak machen, wo wir liegen konnten - höchstens irgendwo hocken, und das mit Klettergurt angebunden an irgendwelchen Zacken. Also folgte die Flucht nach vorne.
Von nun an wechselten wir öfters die Führung bzw. gingen überschlagend, um Zeit zu sparen. Gesichert wurde so gut es eben ging an Zacken und Felsköpfen oder mal mit einem Friend in einem Riss. So durfte ich dann auch die Längen auf den Pointe Croz führen. Später wurde der Schnee immer tiefer und Roman brach vermehrt ein. So ging häufig ich zum Spuren voraus (Fliegengewicht?) und trat eine gute Spur fest, damit er nicht mehr so einbrach. Stück um Stück kämpften wir uns weiter zum Pointe Whymper, wo unser ersehntes Gipfelbiwak sein sollte. Beide sehnten wir uns den harten Firngrat vom Morgen zurück, auf dem wir einfach gehen konnten - zügig und sicher. Wäre der Grat hier gefroren gewesen, wir hätten uns enorm viel Zeit gespart - Höhenmeter und Distanz lagen ja nicht mehr so viele vor uns.
Nach dem Pointe Croz drückte die Zeit und mit Stirnlampen klettern wollten wir auch nicht mehr, also gaben wir nochmals Gas. Flucht nach vorne quasi. Die letzten 50 Höhenmeter hoch zum Gipfel stapfte ich dann voraus und trat eine Spur fest. Im letzten Sonnenlicht erreichten wir den Gipfel - erleichtert und erschöpft zugleich. Doch nun gab es keine Hütte, wo man sich einfach hinsetzt und auf das Essen wartet und später ins Bett geht.
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| Mühsam. Der Firngrat war aufgeweicht und tief. Wir sicherten so gut wie möglich an Blöcken, gingen aber mit langem, fliegendem Seil. |
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| Unsere Angst war nicht unbedingt ein Rutscher von uns, sondern ein Wechtenbruch, der dann einfach beide mitreißt. So gesehen drei Tage später am Kuffner-Grat auf den Mont Maudit. |
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| Roman kommt nach. Hinten die Helene und Marguerite. Der Dent du Geant ganz prominent in der Mitte. Hier sieht man auch gut die Wechten. Wir mussten beim Spuren noch Acht geben. |
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| Aber dafür gibt es auch Bilder für die Ewigkeit. Die Sonne nähert sich dem Horizont. |
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| Flucht nach vorne. Roman wühlt sich durch den Schnee, um den Block für eine Sicherung zu finden. |
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| Die Uhr tickt. Nicht mehr lange haben wir Tageslicht zur Verfügung. |
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| Die letzte Zackenschlinge vor dem Gipfel. Ich bin schon erleichtert. |
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| Geschafft! 21:06 Uhr und wir stehen am Gipfel des Pointe Whymper (4.184m) - fast 20 Stunden (inkl. Pausen) nach Aufbruch bei der Hütte. Wir hätten uns eher am Gipfel gesehen, aber dennoch sind wir glücklich. |
Nun war ich sehr froh um die Erfahrung von Roman, wenn es ums Biwakieren geht. Er entschied blitzschnell, dass wir nicht mehr in den Sattel absteigen konnten. Unten war die Sonne schon weg und der Schnee zog sofort wieder an. Am Gipfel hatten wir noch etwas Sonne und vor allem tiefen weichen Schnee sowie eine geeignete Fläche. Biwak direkt am Gipfel! Wir machten uns sofort ans Werk und traten uns so gut wie möglich einen Biwakplatz aus. Da der Neuschnee obenauf nicht gut mit dem alten, faulen Schnee von darunter verbunden war, "schnitt" ich dann mit dem Pickel noch "Ziegel" heraus und baute uns damit einen Windschutz nach Südwesten hin, denn es zog von der Seite her über den Gipfel.
Roman richtete dann schon die Matten und Schlafplätze her. Ich holte sofort den Kocher raus und fing an, Schnee zu schmelzen. Und das dauert auf fast 4200m ewig. Zum Glück hatte Roman die super Idee mit der Thermoskanne. Beide hatten wir eine Thermos gefüllt mit Tee dabei. Der diente dann als erster Durstlöscher, denn wir beide hatten je nur ca. 2L in der Trinkblase dabei und diese waren beide leer. Somit konnten wir schon etwas Flüssigkeit zu uns nehmen, bis die Suppe parat war. Die warme Suppe und die Nudel taten nach dem langen Tag gut. Nun war es aber schon weit nach 22 Uhr geworden und noch die Hauptspeise zu kochen wäre zu lange gegangen. Roman verkroch sich dann schon in den Schlafsack, während ich noch Wasser für das Frühstück kochte. Ich wollte einfach nicht noch am nächsten Morgen den Kocher aufbauen und wieder 20++ Minuten warten, bis das Wasser kocht. So konnte ich die große Thermos mit Wasser abfüllen und verkroch mich dann auch gegen 23 Uhr in den Schlafsack. 22:30h munter - und doch kaum müde. Adrenalin?
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| Biwak direkt am Gipfel mit Blick zum Mont Blanc. Unser Windschutz sollte sich bezahlt machen. |
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| Jetzt gibts noch eine Suppe. |
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| Noch Wasser für den Kaffee am Morgen kochen. Danach ab in den wärmenden Schlafsack. |
Die Nacht verlief dann erstaunlich gut. Ich schlief eigentlich sofort ein, nachdem ich meinen Platz noch etwas ebener gemacht hatte und die Schuhe vom Fußteil direkt unter meine Knie geschoben habe. Dann wurden auch meine Zehen warm und ich konnte ausgestreckt liegen. So schlief ich dann bis etwa 2 Uhr am Morgen. Dann musste ich pinkeln. Was für eine Prozedur und was für eine Überwindung! Ich lag zwar eigentlich angezogen im Schlafsack, aber dennoch. Schlafsack auf, Daunenjacke zu, mühsam die Schuhe aus dem Regenschutz holen (wir nahmen die Schuhe im Regenschutz des Rucksacks mit in den Schlafsack, damit diese warm blieben bzw. nicht durchgefroren waren am nächsten Morgen), Schuhe anziehen, binden ... binden muss man die nicht in der Nacht. Steigeisen? Ich konnte mich noch erinnern, dass ich bei Ankunft am Gipfel einige Schritte in Richtung Sattel machte und dort gute, tiefe Spuren hinterlassen hatte. Das musste reichen, ohne dass ich gleich ausrutschen und abstürzen sollte. Nach gut 10 Minuten lag ich dann endlich wieder im Schlafsack, alles wieder verstaut und ready für die nächste Runde Schlaf. Ich schaute mir noch kurz den Sternenhimmel an und die Milchstraße - was für eine Aussicht hier oben. Kaum Lichtverschmutzung und so ein schöner Sternenhimmel.
Ich schlief dann tief und fest bis 5 Uhr, bis es langsam dämmerte. Diesen Moment wollte ich dann nicht verpassen. Wie oft schläft man schon auf fast 4200m und erlebt den Sonnenaufgang über unzähligen 4000ern vor einem. Nachdem unser Plan sowieso vorsah, dass wir sehr zeitig weitergingen, um den Gletscher unten noch bei tiefen Temperaturen zu begehen und nicht irgendwo im Sumpf und Spaltenchaos zu enden, passte das gut. Ich weckte Roman und wir richteten uns langsam zusammen. Das Frühstück bestand dann aus einem Biber und Kaffee sowie einem Riegel. Aber bei dieser Aussicht vergisst man auch etwas den Hunger.
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| 5:04 Uhr. Die Dämmerung setzt langsam ein. Rechts noch der höchste Punkte der Grandes Jorasses, der Pointe Walker mit 4.208m unser nächstes Ziel. |
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| Guten Morgen! |
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| Endlich wärmt uns die Sonne. Die hohen Walliser Berge (Weisshorn, Grand Combin, Matterhorn, etc.) bekommen auch Sonne. |
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| Rückblick auf einen ganz schön langen Tag. Unser Grat bis zum Pointe Whymper. Jetzt wäre der Schlussteil wohl deutlich einfacher zu begehen, vor allem mit unseren tiefen Spuren drinnen. |
Wir machten uns parat, legten die Steigeisen an und verabschiedeten uns von unserem schönen Biwakplatz. Um kurz nach 6 Uhr stiegen wir dann in die Scharte ab und machten den kurzen Gegenanstieg zum Pointe Walker, dem höchsten Punkte der Grandes Jorasses mit 4.208m. Nach etwa 30 Minuten erreichten wir diesen letzten Gipfel der Überschreitung. Ab jetzt ging es mehr oder weniger nur noch nach unten.
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| 6:28 Uhr am Pointe Walker (4.208m). |
Vom Gipfel gingen wir etwas zurück und dann aber fast direkt ab, immer auf die Walker-Felsrippe zuhaltend. Dort kraxelten wir anfangs noch im Blockgelände seilfrei ab. Später wechselten wir dann überhaupt in den Schnee/Firn, denn die Schneefelder ziehen bis unten durch - ein Vorteil, wenn man früh in der Saison geht. So konnten wir sehr zügig einfach abpickeln und waren alsbald am unteren Ende des Walker-Felssporns angekommen.
Dort querten wir den Gletscher und machten dann kurz einen Schritt schneller, als wir den mächtigen Hängegletscher passierten, bevor man sich quasi in die Felsen des Whympersporns rettet. Dort klettert und seilt man ab, bevor man nochmals eine steile Querung Gletscher machen muss, um die Reposior-Felsen zu erreichen. Ab diesem Sporn ist man aus dem Eisschlag draußen und kann etwas durchschnaufen.
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| Am Felssporns des Pointe Walkers. Hier kraxeln wir zuerst im Block ab, wechseln dann aber in den Schnee. |
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| Der ist angenehm hart und super zu begehen. So pickeln wir zügig rückwärts ab. |
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| Diesen Hängegletscher muss man kurz queren. Zügig, aber nicht laufen, denn stolpern will hier auch niemand. |
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| Endlich an den Reposoir-Felsen angekommen. Ab hier ist das Gelände meist einfach(er) und vor allem ist man aus dem Eisschlag draußen. Unten sieht man einen Teil des Gletschers, den man absteigen muss. |
Wir kommen gut voran im Fels und seilen dann die letzten Längen ab. Dort wurde eine gute Abseilpiste eingerichtet. So kamen wir noch vor 10 Uhr unten an und standen am Gletscher, der zu diesem Zeitpunkt noch gut zu begehen war. Wir verloren dann aber keine Zeit und machten uns an den weiteren Abstieg zum Rif. Boccalatte, welches nicht mehr bewartet ist - leider. Dort angekommen, entledigten wir uns unserer Gletscherausrüstung und trockneten unsere Sachen etwas auf. Während dessen sammelten wir Schmelzwasser vom Dach und kochten dieses ab bzw. machten Tee, denn bis hierher hatten wir bis auf den Kaffee am Morgen noch nichts getrunken und wir waren beide recht durstig.
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| Die letzten Abseiler runter zum Gletscher. |
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| Gletscherbruch rechts (im Aufstiegssinne) von den Reposoir-Felsen. |
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| Ein paar Spalten hatte es dann, aber, da wir früh dran waren, kein Problem. |
So machten wir ausgiebig Pause und genossen die Aussicht auf die zerklüfteten Gletscher, tranken Tee und aßen unsere Riegel bzw. Würstchen, die plötzlich noch aus dem Rucksack kamen - wir hatten am Abend davor darauf vergessen. Um etwa 12:30 Uhr machten wir uns dann wieder an den weiteren Abstieg, der nicht so einfach ist. Mehrmals müssen Platten abgeklettert (die Stellen sind mit Tauen versichert), Leitern überwunden oder Bäche gequert werden.
Die ca. 2600 Höhenmeter bergab zogen sich dann noch. Vor allem war die Motivation am Ende hin nicht mehr so vorhanden und man stieg immer tiefer in das heiße Tal ab. Wir tranken mehrmals noch unseren vorgekochten Tee und schafften es dann aber doch noch zurück zur Hauptstraße, wo wir dann auf den Bus warteten, der uns zurück bis nach La Palud bringen sollte.
Da der Bus dann gleich eine Haltestelle ausgelassen hatte (nämlich die vor unserem Hotel), landeten wir vor unserer Pizzeria. Wir nutzten die Gelegenheit gleich und reservierten für den Abend einen Tisch und stießen dann auf die erfolgreiche Überschreitung und Romans Geburtstag an. Was für eine Tour, was für Erinnerungen der letzten zwei Tage. Das wird noch lange brauchen, bis das so richtig verarbeitet wird im Kopf. Aber von diesen Erinnerungen kann man länger zehren.
Fazit für mich: eine grandiose Überschreitung in wilder, ausgesetzter Natur, die mehr als nur Kondition fordert. Noch nie hatte ich eine so lange Bergtour gemacht, bei der man gut 20h voll konzentriert sein muss. Danke Roman, für diese überwältigende Tour und die Erfahrungen, die ich machen durfte.
Harald
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